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Beat Loeliger, Schweizer Botschafter in Irland
Attraktiv für ausländische Investoren, verzeichnete Irland seit 1990 einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Das inflationsbereinigte Pro-Kopf-BIP in Irland stieg auf einen der höchsten Werte in der EU. Wegen seiner wirtschaftlichen Entwicklung wurde Irland oft als «Keltischer Tiger» bezeichnet. Bis zum Jahr 2008.
Die übermütigen Jahre des keltischen Tigers fanden zu Beginn des Jahres 2008 ein jähes Ende. Die Aktienkurse der Banken waren viel zu schnell und zu stark abgesunken und Kapital war abgeflossen. Um jedoch ein Implodieren des Bankensektors zu verhindern, beschloss die Regierung am 29. September 2008, sämtliche Verbindlichkeiten der Banken im Wert von 440 Mia. Euro - das 2.5-fache des BIP - zu garantieren. Wie sich später herausstellte beliefen sich die toxischen Kredite der Banken auf über 30 Mia. Euro. Dazu kamen Spekulationsverluste im Immobiliensektor im Wert von über 70 Mia. Euro, die in einer «Bad Bank», genannt NAMA (National Asset Management Agency) deponiert wurden. Im Budget klaffte zudem ein riesiges Loch: Irland war insolvent. Zwei Jahre lang versuchte die damalige Regierung Cowen mit Sparmassnahmen, wirtschaftspolitischen Korrekturen und Rekapitalisierungen der Banken das Schlimmste zu verhindern, doch vergeblich. Die Zinsen für 10-jährige Staatsanleihen stiegen auf fast 7% an, womit sich Irland nicht mehr privat refinanzieren konnte: Der Staat war bankrott.Hilfspaket für Irland
Ab Mitte 2010 suchte die Regierung diskret Hilfe und fand sie schliesslich bei EU, internationalen Währungsfonds (IMF) und Europäischer Zentralbank (EZB). Ein Hilfspaket «EU/IMF Programme of Financial Support for Ireland» wurde geschnürt und am 28. November 2010 der Öffentlichkeit präsentiert. Dessen Kernpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Seither treffen alle drei Monate Vertreter von EU, IWF und EZB in Dublin ein und überprüfen die Erfüllung der genau festgelegten Etappenziele des dreijährigen Hilfspakets. Bisher hat Irland alle Vorgaben zur vollen Zufriedenheit der Prüfer erreicht und erhält somit vom Europäischen Stabilisierungsfonds (EFSF) eine Tranche nach der andern an dringend benötigten Hilfsgeldern. Die wichtigste Vorgabe dieses Hilfspakets ist eine Reduktion des Budgetdefizits - gemessen am BIP - von über 10% im Jahr 2011 auf max. 3% im Jahr 2015 - ein sehr, sehr schwieriges Unterfangen! Der Preis dieses sogenannten «bail out» ist indes sehr hoch: Irland hat in wirtschaftspolitischer Hinsicht erheblich an Souveränität eingebüsst.
Exportnation
Irland ist eine kleine, sehr offene und exportorientierte Volkswirtschaft, weswegen sich einerseits eine sinkende Nachfrage nach irischen Gütern und Dienstleistungen auf den Absatzmärkten, insbesondere in Ländern der Eurozone, direkt, sofort und ungebremst auswirkt. Anderseits hat sich die interne Banken-, Immobilien- und Verschuldungskrise sehr negativ auf Investitionen und Konsum ausgewirkt, sowohl der öffentlichen Hand wie auch der privaten Haushalte und Unternehmungen. Für 2012 soll das BIP, getragen von einem bescheidenen Exportwachstum, lediglich noch um 1% zunehmen. Von Bedeutung für Regierung und Unternehmen ist, dass sich das Kostenniveau für Produkte und Dienstleistungen gesenkt hat und dass somit die Konkurrenzfähigkeit verbessert werden konnte. Dieser Vorteil muss indes cum grano salis beurteilt werden, trifft dies doch auf viele ausländische Konkurrenten ebenfalls zu.
Die heftige und tiefe Rezession, in welche Irland abgeglitten ist, hat binnen dreier Jahre 15% des BIP weggefegt. Es beträgt heute noch rund 155 Mia. Euro. Der völlig überhitzte Bausektor implodierte nach dem Platzen der Immobilienblase, was sich wiederum verheerend auf das Bankwesen sowie auf die Staatskasse, aber v.a. auch auf die Beschäftigung auswirkte: in kürzester Zeit schnellte die Arbeitslosenrate auf 14%, wo sie seither verharrt. Aber auch unzählige Zulieferer gingen in Konkurs und Makler, Architekten sowie Ingenieure waren plötzlich arbeitslos. Dieses Schicksal ereilte auch viele der alljährlich auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Schulabgänger und Akademiker. Zehntausende wählen deshalb nolens volens das Exil und wandern aus.
Bevölkerung reagiert nüchtern
Doch ist sich die Bevölkerung all des «doom and gloom» längst überdrüssig. Immer lauter wird die Forderung, endlich die Schuldigen zu finden und zu bestrafen, was indes anscheinend gar nicht so einfach ist. Murrend ergaben sich die meisten ins unausweichliche Schicksal, verkauften das grosse Auto und tauschten es gegen ein kleineres ein, verzichteten auf Auslandferien und verbrachten Urlaub im Land, suchten nach billigeren Versicherungen, vorteilhafterem Hausrat und günstigeren Lebensmitteln. Insgesamt sind die meisten Iren krisenerprobt und nun umso entschlossener, die Unbill nicht nur zu ertragen, sondern vielmehr das Beste aus der Situation zu machen und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Zumindest der hier zu beobachtende Babyboom ist ein untrügliches Zeichen dafür.
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